Halbmarathon 2013 in Bonn von M. Schenk

 

Ok. Gestern war also der Tag. Der erste Saisonhöhepunkt hieß Halbmarathon beim Deutsche-Post-Marathon vor der Haustür in Bonn. Letztes Jahr begann hier mit der Staffelteilnahme als Schlussläufer (12,2km in 1:10h oder so) meine "Laufkarriere". Gestern also 21,1km.

Es sollte mein zweiter HM werden. Der erste vor exakt 6 Monaten in Köln ist wegen 4 Wochen Trainingsausfall wegen Fußschmerzen davor zum großen Teil eher ein Sightseeing-Lauf gewesen und endete bei 1:56:19h. Ich habe mich immer etwas gewehrt, den Lauf als Bestzeit anzuerkennen, weil eigentlich damals schon die 1:45h hätten drin sein müssen und es einfach gesundheitlich nicht schneller ging.

Nach wiederkehrenden körperlichen Gebrechen (Füße, Waden, Schienbeine) und verschiedenen Therapieansätzen (Pausieren, Einschmieren, Einlagen) im Verlauf des Winters kam dann die richtige Erlösung erst Ende Februar in Form von zwei Paar neuen Laufschuhen. Rückblickend gehe ich davon aus, dass meine Mizuno Wave Enigma einfach im Herbst schon nach 500km platt und damit schuld an meinen Fußproblemen waren. Dabei war ich am Anfang so zufrieden mit den Schuhen...

Mit den neuen Schuhen habe ich dann die vergangenen 8 Wochen richtig gut trainiert. Davor war es immer irgendwie mit Quälerei verbunden. Die ursprüngliche Zielzeit von 1:45h hatte ich mittlerweile auf 1:42h korrigiert, geträumt habe ich von 1:40h, allerdings hatte ich ziemlichen Respekt vor den 4'44"/km die man dafür laufen muss. Andererseits hat mein guter 10er vor 3 Wochen in Bad Godesberg (43:19min) eigentlich gezeigt, dass 1:40h machbar sein müssten. Ich hatte mir für den Lauf jedenfalls einen Start in 4:50er Pace vorgenommen um dann hintenraus evtl. noch was schneller zu werden.

Den gestrigen Tag hatte ich zeitlich voll durchgeplant. Gegen 6.00Uhr ging es gestern aus dem Bett, 1 Kaffee, ein Brötchen mit Honig, eine Banane, 2 Gläser Wasser. Mit dem Auto sind wir dann gegen 6.40Uhr nach Ramersdorf gefahren, um mit der Bahn von Süden in die Stadt reinzufahren. In Ramersdorf hatten wir dann etwa 25min Wartezeit, die ich schonmal für einen 3km-Aufwärm-Trab genutzt habe.

Das Wetter machte auch wie versprochen den Eindruck, dass man durchaus in kurz/kurzen Klamotten laufen kann. Um 8.10Uhr haben wir dann die anderen vom Lauftreff und von meiner Hochschul-Laufgruppe getroffen. Letzte Fotos, letzter Dixie-Besuch, letztes Küsschen und dann in den Startblock. Meine Fresse ist das schon voll hier...

Dann ging's los. Einen Kommilitonen der Hochschule (M) habe ich erst kurz vor dem Start kennengelernt. Er hat als Ziel die 1:45h angegeben, also starteten wir mehr oder weniger gemeinsam und wurden auch während des Laufs nie weit voneinander getrennt.

Die farbig aufgeteilten Startblocks wurden zum Glück weiter aufgeteilt, so dass etwa jede Minute 500 Läufer losgeschickt wurden. Dies erwies sich als sehr gute Idee, das große Gedrängel auf den ersten Kilometern blieb nämlich dadurch völlig aus, bereits nach etwa 500m konnte man ziemlich frei laufen und gut überholen (oder sich überholen lassen).

KM0-5 (in 22:49min)
4:29, 4:30, 4:46, 4:42, 4:22
"Du bist zu schnell, du bist zu schnell! Mach langsamer!" So ging es mir durch den Kopf nach den ersten beiden Kilometern. Die langsamere Kilometer 3 und 4 fühlten sich aber sehr gebremst an, so dass ich wieder schneller geworden bin. Kurz mal in die Beine gehört... Alles OK. Wat sacht die Pumpe? 166 beats per minute. 83%. Alles in Ordnung. Na dann mal weiter...
(P.S.: Warum überhole ich nach 4KM drei gehende leicht übergewichtige quasselnde junge Damen? Warum starten die vor mir? Warum melden die sich für einen HM an, wenn Sie nach 4km nicht mehr können?)
5er-Zwischenzeit 22:49min. Ach du scheiße.

KM5-10 (in 22:58min)
4:43, 4:36, 4:42, 4:25, 4:32
So langsam pendele ich mich bei 4'40" ein. Ich hab immer noch Angst, dass ich das nicht durchhalten kann. Aber genau dieses Tempo fühlt sich jetzt genau richtig an. Also mache ich weiter so.
M holt mich nach etwa 6km ein und erzählt mir was, was ich schon weiß: "4:35! Man hast du es eilig." Wir laufen bis kurz vor die Kennedybrücke zusammen. Nach Kilometer 7 geht es die Brücke rauf. Ich merke nichts von dem Anstieg. Der stört mich überhaupt nicht und ich überhole bergauf einige Läufer, M fällt etwas zurück. Auf der Brücke dann Seitenwind von links. Oh Mist, dieser Wind ist gleich für etwa 6km dein Gegenwind... Die Brücke runter, an der Beethovenhalle vorbei bis an den Rhein hinab lasse ich richtig rollen und überhole reihenweise Leute. Die Uhr zeigt zwischenzeitig sogar mal eine 3:55er-Pace an. Beine sind gut. Pumpe auch. Herzfrequenz steht bei etwa 170(85%) wie festgenagelt.
10er-Zwischenzeit 45:47min. Diese Zeit bin ich im September noch unter Volllast im 10er-WK gelaufen. Das wären jetzt deutlich unter 1:40h....

KM10-15 (in 23:40min)
4:43, 4:43, 4:40, 4:43, 4:51
Der Gegenwind vor dem ich mich auf der Brücke noch gefürchtet habe, ist wesentlich schwächer als erwartet und bremst mich nicht wirklich aus. Jetzt bin ich richtig im (Brooks Pure)Flow. Höhö. So langsam kommt die Erkenntnis, dass ich dieses Tempo doch bis ins Ziel halten können könnte. Um mich herum am Rheinufer jetzt Läufer in der gleichen Geschwindigkeit. Es wird fast nicht mehr überholt, nur M erscheint irgendwann 5m vor mir. Wann ist der denn vorbeigegangen?
Ein Ruderverein bietet mir Kölsch an. Aber es ist erst 10 Uhr. Ich bin doch keine 20 mehr...
Wir laufen durchgehend neben einem Passagierschiff her. "Beethoven" heißt der Kahn und der kann scheinbar ziemlich genau 13km/h flussaufwärts fahren.
Bei 14km gibt es eine Getränkestelle. Ich nehme zweimal einen kleinen Schluck Wasser. "Hmm, wirklich brauchen tu ich das ja gerade nicht." Also nochmal kurz Mund ausspülen und den fast vollen Becher wieder weg. Ich brauche keine Ernährung auf 20km. Der Puls bleibt bei etwa 172(86%), alles fühlt sich gesund und gut an.
15er-Zwischenzeit 69:27min.

KM15-20 (in 22:41min)
4:33, 4:40, 4:36, 4:25, 4:27
Nach dem KM15-Wendepunkt halte ich das Tempo immer noch problemlos, auch wenn die Beine merklich schwerer werden. Ich weiß jetzt, dass die 1:40h locker fällt und kriege nochmal einen gewissen Euphorie-Schub. Ich halte mich etwa 20m hinter M, vielleicht kriege ich den ja noch vor dem Ziel. Ab KM18 ziehe ich leicht an und höre mal, was meine Beine dazu sagen. Alles gut. M hat auch angezogen, näher komme ich ihm nicht, aber wir überholen wieder viele Läufer, die zum Ende hin langsamer werden oder sogar gehen müssen. Die Stimmung an der Strecke steigt, je näher man dem Hofgarten kommt. Am Hofgarten sind dann 20km rum. Endspurt!
20er-Zwischenzeit 92:08min.

KM20-21,1
4:16, 0:21 (3:36er Pace)
Schaffe ich einen 1km langen Endspurt? Naja, viel ist nicht mehr drin. M hat noch ein paar Körner mehr und zieht weg. Aber ich überhole im Innenstadtbereich noch einige Läufer. Gehende, keuchende und andere spurtende. Das fühlt sich saugut an. Teilweise ruft das Publikum meinen Namen, weil sie wohl sehen, dass ich schneller bin, als die anderen um mich rum. Nachher sehe ich, dass der Puls "nur" bis auf 188(95%) hochging. Dann erscheint der Zielbogen und der Blick ist frei auf das alte Rathaus. Ich bin im Ziel und stoppe die Uhr. Laufe aber noch etwa 15m weiter und kriege meine Medaille von dem allerletzten der Helfer. An den anderen bin ich noch vorbei gelaufen...
Meine Beine und mein Puls beruhigen sich recht schnell. Kein Schwindel, keine Übelkeit, keine Blessuren. Stattdessen ungläubige Euphorie über die Anzeige meiner Uhr: 1:36:44h, Pace 4'35"/km. Unglaublich, das hätte ich nie gedacht, dass ich das schon laufen kann.

M wartet im Ziel auf mich. Letztendlich ist er 10 Plätze und 11 Sekunden vor mir im Ziel. Naja. Drauf gepfiffen. Der ist 10 Jahre jünger und 20kg leichter als ich.

Fazit: Geiler Lauf, Super Orga, gute Stimmung.

Die nächsten 4 Stunden bin ich dann noch mit meiner Frau Simone, meiner Schwester, deren Freund und deren Arbeitskollegen durch Bonn getigert und habe deren Marathon-Staffel zu den Wechselzonen begleitet und zwischendurch mal die LT-Gruppe mit Sandra, Sonja, Ingo und Franz und auch meine Hochschulkollegen getroffen, viel erzählt, Bier getrunken, in der aufkommenden Sonne gestanden und furchtbar viel gefuttert. Irgendwann gab es dann die offiziellen Ergebnisse und ich habe mir meine Bestzeit auf die Medaille gravieren lassen:

1:36:44h
Gesamtplatzierung: 513/6055
Männer: 487/4243
M30: 83/547


Ich hatte mal mit einer Platzierung unter den besten 1000 geliebäugelt. Jetzt ist es fast Top500 geworden.

Irgendwann kam dann noch ein Geistesblitz. Der glor- und ruhmreiche Erste Fußballclub Köln spielt doch gerade! Das hätte ich fast vergessen! Die Kicker-App meldet ein 0:0 nach 90 Minuten. 2 Minuten später der nächste Blick aufs Handy: Der EFFZEH siegt mit 1:0 gegen Aalen nach einem Tor in der 94. Minute! Ein grandioses Sahnehäubchen auf diesen unvergesslichen Tag.

 

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